Folgender Text stammt aus einer Hausarbeit im Leistungsfach Deutsch. Vorgegeben waren die Leitfrage und der Bezug auf den Roman Axolotl Roadkill.
Die Autorin Helene Hegemann verursachte vergangenes Jahr mit ihrem Roman “Axolotl Roadkill” viel Aufsehen bei Buchkritikern. Nachweislich verwendete sie darin Textpassagen aus dem Werk eines Bloggers, ohne diesen jedoch als Quelle anzugeben.
An der Frage, wie ein solches Vorgehen zu bewerten ist, scheiden sich die Geister. Die einen sehen Hegemanns Roman als Zeichen für eine neue Kultur des Teilens, die anerkennt, dass ein Künstler sich zwangsläufig von vorherigen Werken inspirieren lässt und deshalb keiner einen alleinigen Anspruch auf eine Idee haben kann.
Die anderen sehen in “Axolotl Roadkill” ein Plagiat, einen Raub geistigen Eigentums. Anders als im Handwerks- oder Dienstleistungssektor hat der Künstler kein Produkt, dass er immer wieder neu herstellen muss. Es genügt, dass er eine Kopie des Kunstwerks herstellt, danach beginnt der Wertschöpfungsprozess. Schlussendlich wird der Künstler für seine Kreativität entlohnt. Wenn das Produkt seiner Arbeit anderswo verwendet wird, er dafür aber kein Geld sieht oder noch nicht einmal als Quelle genannt wird, hat er damit ein Problem. Um dagegen vorzugehen, steht ihm das Urheberrecht zur Seite, welches ihm die Verfügung über die Nutzungsrechte vermacht. Sobald man Werke eines Urhebers verarbeitet, muss man dies kenntlich machen.
Im Wort ‘Urheber’ steckt das Wort Ursprung, heute wird Urheber auch mit ‘Schöpfer’ übersetzt. Wer auch immer etwas Neues, Ursprüngliches schafft, hat Anspruch auf das Urheberrecht, ist ein “Schöpfer” von Kunst. Nach Meinung der Kritiker hat Hegemann jedoch nichts Neues geschaffen, sie hat sich lediglich bei den Werken anderer bedient, sie neu kombiniert und hübsch verpackt. Der künstlerische “Schaffensgeist” fehlt, es werden nicht die eigenen Gedanken und Erfahrungen aufs Papier gebannt, sondern die von anderen.
Hegemann kontert jedoch, dass es so etwas wie “Originalität”, oder Ursprünglichkeit, schlichtweg nicht mehr gebe. Künstler ließen sich schon immer von Werken anderer inspirieren, nur waren die Referenzen so formuliert, dass sie nicht auffielen, oder das Aufbringen von Beweisen war zu mühsam. Beides ist heute kein Problem mehr, denn mit Hilfe von Algorithmen lassen sich systematisch Ähnlichkeiten zwischen Werken, sei es Bild, Text oder Ton, finden, und das Internet gibt jedem die Möglichkeit, zum veröffentlichten Buchkritiker zu werden. Computer machen es also einfacher, die Beziehungen zwischen einzelnen Werken aufzuzeigen, doch sie sind gleichzeitig auch das Werkzeug, das immer mehr solcher Verbindungen schafft.
So gut wie alles, das Menschen schaffen, lässt sich in Nullen und Einsen, die Sprache des Computers übersetzen. Sind die Werke erst einmal digitalisiert, gewinnen sie folgende Eigenschaften: Sie sind unendlich oft kopierbar, lassen sich leicht analysieren und durchsuchen und, vor allem, sie lassen sich leicht auseinandernehmen und neu kombinieren. Jede Kopie gleicht dem Original bis ins kleinste Detail, für den Computer spielt die Herkunft keine Rolle, sie sind austauschbar. Genauso verliert aber auch der Unterschied zwischen Original und “Remix”, also Neuzusammensetzung oder Neuinterpretation, an Bedeutung.
Für den Computer zählt nur die reine Information, die binäre Kette aus Nullen und Einsen. Kombiniert man zwei Werke, etwa den wummernden Bass eines Technoliedes mit einer Ballade von Frank Sinatra, so entsteht für den Computer ein völlig einzigartiges Werk. Ein Mensch wird vermutlich die einzelnen Einflüsse erkennen, und der Computer kann dies mit ausgefeilten Algorithmen auch, doch letztendlich entsteht durch diesen Prozess ein neuer Datensatz, eine neue Information. Nicht jeder mag diese Neukombination ästhetisch finden, doch solange es nur einer tut, ist es Kunst.
In der Musik findet etwas ganz ähnliches statt. Die Bausteine sind hier nicht Nullen und Einsen, sondern Noten in verschiedenen Höhen und Längen. Die Möglichkeit, diese auf einzigartige Weise zu kombinieren ist jedoch eingeschränkt. Zwangsläufig wird es in Liedern Notenfolgen geben, die schon einmal jemand davor geschrieben hat. Man kann kaum erwarten, dass Musiker akribisch vorhandene Werke recherchieren, um dann einzelne Takte mit Quellenangaben zu versehen. Ganz im Gegenteil, das “Remixen” und “Samplen” ist unter Musikern eine Form der Anerkennung.
Seit der “digitalen Revolution” verbreitet sich diese Entwicklung auch auf andere Bereiche. Durch die weltweite Vernetzung haben Menschen Zugriff auf so viele Informationen wie nie zuvor. Einstige “Genies”, die jahrelang ihre Ideen in geschlossenen Räumen austüftelten, erkennen nun, dass es auf der ganzen Welt viele Menschen gibt, die die gleichen oder ähnliche Ideen hatten. Ein Dritter wird nun vielleicht auf diese Ideen stoßen und sie in einen neuen Zusammenhang setzen, so dass völlig neue Erkenntnisse gewonnen werden.
Die digitale Revolution befreite die Kunst von ihren Datenträgern, indem sie sie, übersetzt in die Sprache der Computer, jedem zugänglich machte. Dies verletzt den Stolz vieler Autoren, schließlich ist es dem Computer egal, für wie relevant und originell sie sich halten mögen, es zählen für ihn nur die Daten. Es widerspricht der Natur des Computers, ein Werk besonders zu behandeln, weil der Künstler es für ein Original hält. Letztendlich sind es nur Kombinationen von Buchstaben, von Farbtönen oder Tonfrequenzen. Jegliche Versuche, das Urheberrecht in der digitalen Welt durchzusetzen, sind bisher gescheitert. Auch der ausgefeilteste Kopierschutzmechanismus kann umgangen werden, denn letztendlich handelt es sich auch hier nur um reine Daten.
Aufhalten kann man diese Entwicklung nicht. Rechteinhaber, und dies sind bis zu einem gewissen Maß alle Künstler, hatten sich lange darauf verlassen können, dass das Kopieren und Verändern ihrer Werke einfach zu viel Arbeit wäre, um im großen Stil betrieben zu werden. Werkzeuge, die früher nur großen Verlegern zur Verfügung standen, besitzt heute jeder Privathaushalt. In Sekundenbruchteilen lassen sich Seiten aus dem einen Buch in ein eigenes Buch einfügen, copy and paste. Sobald ein Inhalt in der Sprache des Computers vorliegt, kann man ihn problemlos kopieren und verändern. Zudem ist es dank des Internets ein Leichtes, seine Werke zu veröffentlichen. So wird jeder Mensch zum potenziellen Künstler. “Mashups”, also Collagen aus verschiedensten aktuellen und alten Musikstücken, die dank Audiobearbeitungs-Software nahtlos ineinander überblenden, erfreuen sich in der Netzgemeinde äußerster Beliebtheit.
Warum also nicht auch literarische “Remixe” als Kunst anerkennen? Die klassischen Buchverlage beginnen erst langsam, das Internet für sich zu gewinnen. Helene Hegelmann ist jedoch bestens mit der Netzkultur vertraut, sie ist eine digitale “Eingeborene”. Sie versteht, dass im Internet alles kopiert, verändert und geteilt wird. Sobald jemand etwas schafft, das unterhält, informiert oder provoziert, ist es Kunst. Die abstrakten Ölgemälde eines Malers mit 30 Jahren Berufserfahrung erzeugen bei einem 20-jährigen Internetbenutzer womöglich nur Unverständnis, genauso wie dessen digtal veränderte Fotografien in dem alten Maler nur ein Schulterzucken hervorrufen.
Helene Hegemann hatte sich leider entschlossen, ihr Werk bei einem Verlag zu veröffentlichen, der eine sehr traditionelle, um nicht zu sagen, veraltete Auffassung von sogenanntem geistigen Eigentum hat. Die Feuilletons der Zeitungen lobten sie zunächst, weil sie annahmen, alles was sie schrieb wäre ihrem eigenen, kreativen Geist entsprungen, und entrüsteten sich dann, als sie erfuhren, dass sie sich bei einem anderen Autor bedient hatte. Es kollabierten geistiges Eigentum und Informationsfreiheit, ein Gegensatz, der nicht vereinbar ist.
Die digitale Welt ermöglicht eine Rückbesinnung auf das künstlerische Schaffen. Hier wird anerkannt, dass die Imitation und Veränderung des Schaffens anderer ganz einfach menschlich ist. Neid und Besitzanspruch haben keinen Platz in künstlerischen Berufen, die sich, wie in der Einleitung schon gesagt, gewaltig unterscheiden von den restlichen Berufen. Ich weiß nicht, was Frau Hegemann bewegt hat, ihr Werk auf einen Weg zu publizieren, der so gar nicht der Denkweise entspricht, die sie mit ihrem Buch proklamiert. Ich weiß aber, dass die alten Veröffentlichungskanäle schon bald keine Signifikanz mehr haben werden, wenn sie sich nicht jenen Formen der Kunst öffnen.
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