Ich hatte dieses Jahr die Gelegenheit, in einen sogenannten Serviceclub hineinzuschnuppern. Serviceclubs, das sind etwa der Lions-Club, Zonta oder Rotary. Da ich selber wenig zu den Serviceclubs wusste, diese aber nahezu überall anzutreffen sind, möchte ich einige meiner Erfahrungen über einen lokalen Rotary Club teilen.

1. Ganz schön bieder

No Driving, no Drinking, no serious Dating, no Drugs. No Downloading, no Body Decoration.

Nein, ein Rotarier sollte nicht in Ärger geraten. Schon gar nicht der Nachwuchs auf Jugendaustausch, wer weiß aus welchen Situationen man ihn sonst rausboxen müsste. Bloß niemandem auf die Füße treten, man will sich schließlich keinen negativen Ruf aneignen.

Die Regel, dass die Teilnehmer am Austauschprogramm keinen Alkohol trinken dürfen, wird selbstverständlich nicht strikt eingehalten. Je nach Club. Und auch vom Dating soll man sich fernhalten. Man merkt auch, dass gerne das Thema gewechselt wird, sobald sich das Gespräch dem Sexuellen zuwendet. Wie gesagt, bloß niemandem auf die Füße treten. Brave Themen sind angesagt. Biedere Themen.

Ist es wahr? Ist es fair für alle Beteiligten? Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?

Wenn man bedenkt, dass Rotary hauptsächlich gegründet wurde, um Geschäftskontakte zu schmieden, verwundern diese Richtlinien kaum. Heute nennt Rotary als Ziele humanitäre Dienste, Einsatz für Frieden und Völkerverständigung sowie "Dienstbereitschaft im täglichen Leben".

Bestimmte Grundsätze, die sich zum Beispiel beim Roten Kreuz finden, finden sich bei Rotary aber nicht. So ist hier nicht die "freiwillige und uneigennützige Hilfe ohne jedes Gewinnstreben" vorgeschrieben. Ein Geschäft kann dem Club gerne auch mal in die eigene Tasche spielen.

Auch mit der Freiwilligkeit ist es nicht weit her. So wird erwartet, dass sich ein Clubmitglied wöchentlich beim Clubmeeting zeigt.

2. Ein bisschen Elite

Mitglied wird man auf Vorschlag eines bestehenden Mitgliedes. Dann wird im Club über die Aufnahme abgestimmt. Man kommt nicht einfach so rein. Auch heute noch finden viele Gefallen an so einer Vorstellung. Und es wirkt, denn auch viele Start-Up-Unternehmen arbeiten nach dem Einladungs-Prinzip:

In der frühen Phase von Online-Angeboten zum Beispiel (man denke an den Beginn von "Google Mail") wird die Beliebtheit rapide gesteigert, wenn man nur auf eine persönliche Empfehlung hin Kunde werden kann. So werden hohe Erwartungen beim Kunden geweckt, und gleichzeitig wird der Beitritt so reguliert, dass der Service nicht gleich auf Grund der hohen Anfrage zusammenbricht.

Dies lässt sich durchaus auch auf den Rotary Club übertragen. Es kommt jedoch hinzu, dass der Club stets darauf bedacht ist, neue Mitglieder von hohem Rang und mit einer interessanten Berufslaufbahn hinzuzugewinnen. Dazu lädt man diese als Gäste zu Club-Aktivitäten ein, um dann nach einiger Zeit die Mitgliedschaft vorzuschlagen. Interessenten werden oft im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis gesucht. Was soll man davon halten, wenn man davon ausgehen muss, dass ein befreundeter Rotarier im Hinterkopf immer die "Anwerbung" hat und sich fragt: "Wäre der was für uns?"

3. Wie du mir, so ich dir

Bei Rotary ist es Ehrensache, sich einem anderen Clubmitglied "als nützlich zu erweisen", wenn es möglich ist. Ist der Gegenüber ein Rotarier, so macht man ihm vielleicht einen besseren Preis für eine Dienstleistung. Auch auf einen Ratschlag oder eine Empfehlung kann man immer zählen.

Das umfassende Mitgliederverzeichnis bietet die Möglichkeit, mit jedem Rotarier Kontakt aufzunehmen. Nun mag man argumentieren, dass jeder Mensch Bekannte hat, denen er mal einen Gefallen tut, den er Fremden vielleicht nicht tun würde. Aber Rotary hat dieses Prinzip "systematisiert". Man redet im Alltag vielleicht auch gar nicht über dem Umstand, dass beide im Rotary Club sind.

Man hat eben einfach einen Bekannten, man hat gute Kontakte, man kennt da jemand, der einem helfen könnte. Wenn man aber nicht offenlegt, woher man diesen Kontakt hat, entsteht ein Problem. Intransparenz führt immer zu einem Vertrauensverlust. Viele Vertrauenspersonen sind bei Rotary, auch Politiker und Lehrer. Wenn eine Verbindung über einen Serviceclub wie Rotary besteht, sollte diese offengelegt werden, wenn man in einer dieser Berufsgruppen arbeitet. Denn eine Verbindung zwischen Rotariern ist eben nicht eine übliche Freundschaft.

4. Freundschaft als Teil des Geschäfts

Stets ist die Rede von den "rotarischen Freunden". Freundschaft wird quasi vorrausgesetzt. Es ist üblich, dass man sich untereinander duzt und bereitwillig über sein Leben erzählt.

Dies hat als Folge, dass sich innerhalb Rotarys eine Art gesellschaftlicher Mikrokosmos bildet. Soziale Normen und Gepflogenheiten, die man aus der "Außenwelt" kennt, sind dort außer Kraft gehoben. Es ist schwer bis unmöglich, Distanz zu halten zu bestimmten Menschen. Trifft man auf fremde Rotarier, so wird sich sogleich lächelnd einander vorgestellt und man tauscht sich aus ("Was machst du beruflich? Was sind deine Hobbys?").

In rotarischen Kreisen ist das natürlich überaus hilfreich. Und sogar Menschen, denen es schwerfällt, Kontakt mit seinen Mitmenschen aufzunehmen, werden bei Rotary in Rekordzeit Bekannte machen. Dies ist vor allem hier in Deutschland, wo man sich gegenüber Fremden normalerweise eher reserviert verhält und sich langsam kennenlernt, eine Novität.

In nicht-rotarischen Kreisen kann dies eine gewisse soziale "Inkompatibilität" verursachen. Wer einmal erlebt hat, wie einfach und schnell man mit Rotariern in Kontakt kommt und von diesen nützliche Informationen erhält, der will das im Alltag nicht mehr missen. So kommt es dann oft recht schnell zu einer Überlagerung von Freunden aus dem Rotary Club und anderen Freundeskreisen. Die wöchentlichen Clubmeetings sorgen dafür, dass man bei der Stange bleibt, man wird quasi gezwungen sich zumindest einigermaßen mit seinen rotarischen Freunden zu verstehen.

Es kommt dem Rotarier auch nicht ungelegen, dass ihn aufgrund der globalen Dachorganisation in allen Clubs der Welt mehr oder weniger dasselbe erwartet. Kommt er in eine fremde Stadt oder gar ein fremdes Land, liegt es für ihn nahe, ein lokales Rotary-Mitglied zu kontaktieren und von ihm Hilfe beim Einleben oder ähnlichem zu bekommen. Auf diese Weise entsteht eine gewisse Abhängigkeit und die Aussteigerquote wird gering gehalten.

5. Der große Doublethink

In der Orwell'schen Romanwelt von '1984' bezeichnet Doublethink ("Zwiedenken") die mentale Fähigkeit, "zwei widersprüchliche Überzeugungen aufrechtzuerhalten und beide zu akzeptieren". Wer sich auch nur ein bisschen mit der Geschichte und den Praktiken des Rotary Clubs auseinandersetzt, der wird nicht umhin kommen, sich des Doublethink zu bedienen.

So finden sich einige gravierende Unterschiede zwischen vereinsinternen Dokumenten und neutraleren, externen Quellen. So wird zum Beispiel nicht genannt, dass einige deutsche Rotary Clubs während des Dritten Reichs Juden ausschlossen. Und auch wenn die Mitgliedschaft bei Rotary dann schließlich untersagt wurde, gibt es Berichte, dass Mitglieder teilweise privilegiert von dem Regime behandelt wurden.

Und schließlich ist da noch die Sache mit der Wohltätigkeit. Natürlich engagiert sich der Club in vielen gesellschaftlichen und humanitären Bereichen. Aber um was geht es dabei wirklich? Ich finde, dass die Rotarier mit ihrem gewaltigen Kapital, dass durch den Club weltweit akkumuliert ist, schon längst so einiges hätten ändern können. Das haben sie teilweise. Aber als Erklärung reicht es noch nicht.

Jedes Mal, wenn Mitglieder eines Rotary Clubs in der Zeitung abgebildet sind, wie sie einer örtlichen Organisation einen Scheck überreichen, erhöhen sie damit ihren sozialen Status. Das ist der alte Spruch "Tue Gutes und rede darüber" in gelebter Reinform. Dies ist dem US-amerikanischen Erbe zuzusprechen, denn in dem Land im Westen ist es gang und gebe, seinen Bekannten zu sagen, an wen man was gespendet hat. In der PR-Branche ist dies ein bekanntes Instrument, und auch der Rotary Club macht es sich zunutze.

Es wird schwer gemacht, negative Kritik an einem Serviceclub wie Rotary zu üben, denn alle Kritik kann mit dem Argument abgeblockt werden, der Club tue doch so viel Gutes. Wie kann man das nicht wollen.

Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es.

— Erich Kästner, Kurz und bündig

Meiner Meinung nach ist es jedoch besser für die Moral eines Vereins, der sich dem Dienst an der Allgemeinheit verschreibt, wenn er weniger darüber berichtet, was er tut, sondern die Sache auch selbst anpackt. In einem Serviceclub ist es leichter als in jeder anderen Organisation, sich mit etwas Geld einen guten Ruf zu erkaufen, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Und das ist mit der Vorstellung des "selbstlosen Dienens" einfach nicht vereinbar.