Die Software Friendica verfolgt ähnliche Ziele wie die Software Diaspora (welche 2010 recht große Aufmerksamkeit erreichte und in den Medien als "Facebook-Killer" bezeichnet wurde), setzt diese jedoch bedeutend konsequenter um. Ich habe bewusst die Bezeichnung "Software" und nicht "Netzwerk" gewählt, denn dies weist auf einen ganz entscheidenden Umstand hin: Bei Friendica und Diaspora, so genannten verteilten sozialen Netzwerken, kann sich nicht nur jeder anmelden, es hat auch jeder Zugriff auf die zugrundeliegende Software.

Dies kann mehrere Vorteile haben. Eine Auswahl:

  • Man kann den Quellcode der Software, das nötige Fachwissen vorrausgesetzt, auf Fehler und Sicherheitslücken prüfen und so abwägen, ob man der Software vertraut. Im Fall von Friendica und Diaspora wird die Software sogar kollaborativ entwickelt, das heißt man kann auch gleich die entsprechenden Korrekturen einreichen.

  • Man ist nicht abhängig von einem Anbieter. So gut die Serverinfrastruktur von Facebook auch sein mag – wenn die mal wegfällt, sitzt man möglicherweise im Dunkeln, was seine Online-Kommunikation betrifft. Da die Software von Friendica und Diaspora aber frei zugänglich ist, kann jeder auf seinem eigenem Computer (ein spezieller Server, der ständig läuft, bietet sich an) eine eigene Instanz zum Laufen bringen.

  • Sollte man sich entschieden haben, die Software auf seinem eigenen Server zu betreiben, ist man auch rechtlich auf der sicheren Seite. Wenn man selbst der Anbieter ist, muss man schließlich keinerlei AGB zustimmen. Auch muss man sich um die Verwendung und eventuelle Analyse seiner Daten keine Gedanken machen, da man normalerweise weiß, welche Prozesse auf seinem Computer laufen.

Bevor ich jetzt eine (nicht von mir selbst gehostete) Instanz von vorne bis hinten durchteste, hier einige Fakten über Friendica:

  • für die Installation auf einem eigenem Server werden PHP, eine MySQL-Datenbank und ein Webserver vorrausgesetzt
  • sogenannte "Connectors" sind für die Kommunikation mit anderen Protokollen/Netzwerken zuständig
  • Friendica kann außerdem mit Plugins erweitert werden
  • statt Hashtags, deren Indizierung sich in einem verteilten Netzwerk als schwierig herausstellt, setzt Friendica auf Gruppenseiten und eine Volltextsuche

Zum Zeitpunkt meines Tests lief auf der von mir gewählten Friendica-Instanz Version 2.3.1334.

Anmeldung

Friendica verlangt zur Anmeldung eine gültige Emailadresse, einen Anzeigenamen (dies kann der Geburtsname sein, muss er aber nicht) und einen Nickname, der intern sowohl für die Profil-URL als auch für die Friendica-Adresse verwendet wird. Man kann außerdem, falls man so etwas besitzt, seine OpenID angeben, um es vermeiden, sich um ein weiteres Online-Profil kümmern zu müssen. Hat man einen Account bei Google, Blogger, Wordpress, AOL oder vielen anderen Anbietern, so hat man bereits eine OpenID.

Für meinen Test werde ich jedoch einen separaten Account registrieren. Lobenswert ist, dass man gleich bei der Anmeldung festlegen kann, ob sein Profil öffentlich gelistet werden soll oder nicht. Ich habe mich für die maximale Privatsphäre entschieden und die Option nicht gewählt.

Eine "Benachrichtigungsblase" in der rechten oberen Ecke teilt mir mit, dass meine Registrierung erfolgreich war. Per Email habe ich mein Passwort zugeschickt bekommen, das ich natürlich gleich ändern werde. Außerdem werde ich in der Email aufgefordert, mein Friendica-Profil auszufüllen. Hierzu ist anzumerken, dass ein Administrator einer Friendica-Instanz natürlich bestimmte Einstellungen anpassen kann, dazu zählt auch das Vorgehen bei der Registrierung. Wenn ihr euch bei eurer Friendica-Instanz anmeldet, können eure Erfahrungen eventuell abweichen.

Erster Eindruck

Friendica erkennt, dass ich mich zum ersten Mal einlogge, und leitet mich zuerst auf eine Seite um, die mich auffordert, ein Profilbild hochzuladen. Dem komme ich nach, man kann den Schritt aber auch überspringen. Anschließend muss man das Bild dann noch in ein quadratisches Format zurechtschneiden. Durch die Benachrichtigungen wird mir wieder mitgeteilt, dass mein Bild erfolgreich als Profilbild benutzt wurde. Ich muss sagen, mir gefallen die Blasen. Sie sind informativ und gleichzeitig nicht zu störend. Noch zumindest.

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Danach überrascht Friendica erst einmal. Ich werde auf eine Seite umgeleitet, auf der ich nicht nur mein Profil bearbeiten kann, sondern auch weitere Profile erstellen und bearbeiten kann. Multiple Persönlichkeiten also. Ich mache mir den Spaß und lege ein weiteres Profil namens "Mr. Hyde" an. Ich habe die Möglichkeit dieses zu bearbeiten, will dies aber momentan gar nicht und versuche wieder in die Profilübersicht zu kommen. Einen Knopf dazu finde ich nicht, aber der Zurück-Knopf des Browsers funktioniert.

Profilübersicht

In der Profilübersicht sieht man nun, dass sich etwas geändert hat. Ich habe mein "Default-Profil", das für jeden sichtbar ist, und für jedes weitere Profil kann ich die Sichtbarkeit ändern. Hier noch ein Screenshot der Felder, die man in seinem Profil ausfüllen kann:

Profil bearbeiten

Kontakte hinzufügen

Damit ich das auch testen kann, füge ich erstmal den Faldrian zu meinen Kontakten hinzu. Nachdem ich seine Adresse zuerst falscherweise in das Suchfeld in der oberen Leiste eingegeben hatte (aus Diaspora kenne ich das so), habe ich dann rausgefunden, dass man erst auf das Kontakte-Menü (mit den zwei Portraits), dann auf "Kontakte" klicken muss um schließlich das Feld zu finden, in das man die Adresse seines gewünschten Kontakts eingeben kann.

Neuen Kontakt hinzufügen

Wieder eine Überraschung: Das ganze Hinzufügen-Prozedere geschieht auf Faldrians Friendica-Instanz! Ich habe die Möglichkeit, anzuklicken ob Faldrian mich kennt (ja) und eine kleine Nachricht zu schreiben. Dass man diese beiden
Informationen bereitstellen kann, finde ich sehr praktisch. Nichts mehr mit völlig überraschenden Freundschaftsanfragen, die man gar nicht einordnen kann. Bei Friendica heißt das übrigens "Freundschafts-/Kontaktanfrage". Auch deine Kontakte heißen "Kontakte" und nicht "Freunde", was ich schon immer unsinnig fand.

Kontaktanfrage

Nachdem ich die Anfrage abgeschickt habe, werde ich wieder zurück auf meine Friendica-Instanz geschickt. Ein bisschen erinnert mich das an das Bezahlverfahren per PayPal. Wenn ich bei einem Online-Shop eine Rechnung mit PayPal bezahlen will, leitet mich der Shop an PayPal weiter, wo ich die Zahlung erledige, und danach leitet mich PayPal wieder zurück zum Shop. Man merkt hier schon bei der Handhabung der Kontaktanfragen, dass Friendica ein (auf mehrere Server) verteiltes Netzwerk ist.

Bestätige die Kontaktanfrage

Ich bin zurück auf meinem Friendica-Server, und es sieht noch ziemlich leer in meinem Stream aus. Vom Layout her ähnelt Friendica mit dem dreispaltigen Layout Diaspora. In der rechten Seitenleiste befindet sich, wie ich jetzt bemerke, auch direkt ein Feld zum Hinzufügen von Kontakten.

Hauptansicht, Stream

Friendica anpassen

Irgendwie gefällt mir das Hellblau in der oberen Leiste nicht. Die Anzeigeeinstellungen verbergen sich, wie ich es vermutete, hinter dem Zahnradsymbol in der rechten oberen Ecke. Hier lässt sich zwischen einer Fülle von Themen und Farbschemata wählen. Ich entscheide mich für das schlicht gehaltene "duepuntezero".

Theme auswählen

Es jetzt schon abzuzeichnen, dass Friendica ein Traum für Kontrollfreaks ist. Kleinste Details lassen sich hier anpassen. Vor allem die Sicherheits- und Privatsphäre-Einstellungen sind hervorzuheben. Im Gegensatz zu Facebook sind diese unmissverständlich formuliert und man findet sie alle an einem Ort.

Privatsphäre-Einstellungen

Konnektivität

Hier ist Friendica ganz klar ein Gewinner. Ich habe noch keine Software gesehen, die es mir erlaubt hat, mich mit mehr Diensten zu verbinden. Standardmäßig ist Friendica kompatibel zu Diaspora und StatusNet (dazu zählend z.B.
identi.ca). Das heißt, dass ich für diese Dienste nicht einmal einen separaten Account haben muss sondern direkt von Friendica aus "lossharen" kann. Außerdem gibt es Connectors für Twitter, Tumblr, LiveJournal, Facebook, Wordpress,
Dreamwidth (noch nie gehört), InsaneJournal (dito), Posterous und Email.

Ja, ihr habt richtig gelesen, sogar Menschen, die lediglich über Email kommunizieren, könnt ihr über Friendica mit Nachrichten beliefern. Das finde ich extrem praktisch.

Kurt Tucholsky hat ja mal gesagt: "Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein" (danke Dennis). Nunja, Friendica hat ja auch scheinbar eine wahnwitzige Mission. Offizielles Motto ist: "The internet is our social network". Grenzen zwischen den zueinander in Konkurrenz stehenden sozialen Netzwerken sollen überwunden werden. Man erinnere sich (oder lese es nach, wenn man zu jung ist, so wie ich):

Früher wäre man für verrückt erklärt worden, wenn man behauptet hätte, eine Email eines AOL-Users käme auch bei einem anderen Provider an. Die Email-Provider waren damals gegenüber einander ähnlich abgeschottet wie viele soziale Netzwerke heute. Friendica will, dass soziale Netzwerke genauso flexibel werden wie Email heute.

In Aktion

Ich gehe jetzt mal auf Faldrians Profil und schaue, ob mir ein Beitrag gefällt. Auch jetzt befinde ich mich im Grunde wieder auf Faldrians Server. Nur bleibe ich eben eingeloggt und kann mit seinem Profil und mit seinen Posts interagieren. Bei Diaspora nervt das immer, denn wenn man dort einem Link auf einen fremden Diaspora-Server folgt, ist man bei diesem nicht eingeloggt.

Ich habe Faldrians wunderbarem Post (übrigens, die Grafik stammt von ihm) nach Art der römischen Caesaren mein "Daumen hoch" gegeben und einen Kommentar geschrieben.

Kommentieren auf Faldrians Profil

Wen ich den Beitrag bei mir im Stream angucke, kann ich noch viel mehr tun. Ich kann ihn weitersagen (bekannt als "Reshare" in Diaspora), ihn mit einem Stern markieren (Sinn?), ihm einen Tag zuordnen und ihn in einen Ordner abspeichern. Ein Blick auf die Leiste oberhalb des Streams, in der man scheinbar zwischen verschiedenen kontextuellen Ansichten seines Streams wählen kann, zeigt, dass hier der Stern (als Symbol für's Favorisieren) seine Verwendung findet. Mit ihm markierte Posts können hier separat aufgelistet werden.

Der Kommentar auf eigenem Server

Dementsprechend ist die Ansicht für "geteilte Links" noch leer. In der Ansicht "Persönlich" taucht der Post von Faldrian auf, ich vermute weil ich mit ihm "interagiert" habe.

Stream-Leiste

Was hat es mit der Ordner-Funktion auf sich? Mit der könnt ihr Posts nochmal "nur für euch" sortieren. Dazu habt ihr dann in der linken Seitenleiste ein neues Menü, mit dem ihr duch eure Ordner "browsen" könnt. Wenn ihr euch jetzt fragt, wo jetzt bitte der Unterschied sein soll zwischen Tags und Ordnern, dann seit ihr genauso verwirrt wie ich.

In Ordner verschieben

Gespeicherte Ordner

Hier ist meine Erklärung: Wenn ihr Posts mit Ordnern sortiert, dann ist diese Sortierung rein privat für euch. Niemand anders kann sehen, in welche Ordner ihr deren Posts sortiert habt. Bei den Tags ist das anders: Alle Posts, die
von irgendwelchen Usern mit einem bestimmten Tag versehen wurden, werden unter diesem öffentlich aufgelistet. Wobei sich "öffentlich" aufgrund der dezentralen Struktur von Friendica nur auf den eigenen Server bezieht. Andere Server bekommen davon nur etwas mit, falls zwischen den Servern explizit eine Verbindung besteht. Das ist immer dann der Fall, wenn sich Nutzer von diesen Servern gegeneinander hinzugefügt haben. Weil dieses Verhalten eben relativ unvorhersehbar ist macht es Sinn, Posts, die sich an ein bestimmtes Publikum wenden, in eine jeweilige Gruppe zu schreiben. Private Posts werden natürlich nirgendwo gelistet.

Privatsphäre/Zugriffsbeschränkung

Privat ist ein Post immer dann, wenn ihr beim Erstellen eines neuen Posts auf das Schlosssymbol klickt und dort auswählt, wer den Post sehen darf. Damit ihr nicht jeden Kontakt einzeln anklicken müsst könnt ihr, wie man es aus anderen sozialen Netzwerken kennt, eure Kontakte in Gruppen zusammenfassen.

Post verfassen

Dazu habt ihr in der "Kontakte-Ansicht" in der linken Seitenleiste einen Menüpunkt "Gruppen".

Gruppen-Übersicht

Dass ihr auch den Zugriff auf euer Profil je nach Benutzergruppe beschränken könnt, habe ich weiter oben ja schon angedeutet.

Fazit

Friendica bietet eine unglaubliche Funktionsfülle. Durch einen kleinen Einstiegsassistenten wird versucht, die Lernschwelle relativ gering zu halten. Viele Funktionen sind aus anderen Netzwerken übernommen. Die Gruppen sind beispielsweise ähnlich wie bei Facebook, haben aber auch Ähnlichkeiten mit StatusNet. Darauf werde ich in einem separaten Artikel genauer eingehen müssen. Das Prinzip des "Following" ist von Twitter übernommen. Anders als in Facebook besteht erst eine komplette Verbindung zwischen zwei Kontakten, wenn beide diese bestätigt haben. Allem Anschein nach benutzt Friendica das gleiche Modell wie Facebook, es gibt also nur zweiseitige Beziehungen. Ein einseitiges "Follow-Modell" wie bei Twitter gibt es nicht (danke an Faldrian für die Korrektur). Einige Features habe ich hier gar nicht erwähnt, so komplex ist Friendica.

Wenn es um die Zukunft der dezentralen Netzwerke geht (die zugleich in Sachen Features mit Facebook gleichauf sind), setze ich mein metaphorisches Geld jedenfalls auf Friendica. Die Dezentralität ist hier konsequent umgesetzt, und die Installation ist, habe ich mir sagen lassen, um einiges einfacher und kommt an das Niveau einer Wordpress-Installation heran, falls das jemandem was sagt.

Falls ihr Friendica selbst testen wollt, könnt ihr das hier tun. Auf dem Testserver könnt ihr nach Herzenslust ausprobieren, nach 7 Tagen wird das Profil automatisch gelöscht. Eure Optionen für einen permanenten Account bei Friendica sind:

Update: Faldrian schreibt mir noch über eine Schwäche, die Friendica bei dem Wechsel zwischen den verschiedenen Instanzen hat: Man kann zwar mit Nutzern auf fremden Servern interagieren, wie ich es beschrieben habe. Wenn man seinen Browser allerdings so eingestellt hat, dass Javascript und Cookies nur auf bestimmten Websites erlaubt sind, so muss man dies eben auch für alle Friendica-Server explizit erlauben, was ganz schön nerven kann. Ich wüsste allerdings nicht, wie man dieses Problem sinnvoll umgehen kann.